Wie fair sind Sie?

Persönliche Wirkung

Jörg Köck | Mai 2021

Das 10-Euro-Spiel

Erinnern Sie sich an das 10-Euro-Spiel, das wir Ihnen letzte Woche vorgestellt haben? Es ist ein ganz wunderbares Gedankenspiel, um das eigene Verhältnis zu Fairness zu reflektieren. Vielleicht haben Sie selbst gemerkt, dass das mit der Fairness gar nicht so einfach ist, wie es immer scheint? Welchen Betrag haben Sie Ihrem Gegenüber angeboten? Und was erachteten Sie als „faires“ Angebot? Unterscheiden sich die beiden Beträge? Woran liegt das, wie begründen Sie ihr Konzept der Fairness? Lassen Sie uns zuerst auf den Begriff und das Konzept von Fairness schauen.

Was verstehen wir unter Fairness?

Fairness ist ein Begriff, der insbesondere in Verhandlungen, aber auch in unserem alltäglichen Berufs- und Privatleben immer wieder zur Debatte steht.

„Dieses Verhalten war aber nicht fair!“, „Mein Boss war heute mir gegenüber ziemlich unfair.“, „Diese Person hat aber ganz schön unfair verhandelt!“ – diese oder ähnliche Aussagen haben Sie sicherlich schon das ein oder andere Mal gehört.

Aber was steckt hinter dem Begriff, was bedeutet Fairness?

Der Duden definiert Fairness wie folgt:

  • anständiges Verhalten; gerechte, ehrliche Haltung andern gegenüber
  • den [Spiel]regeln entsprechendes, anständiges und kameradschaftliches Verhalten beim Spiel, Wettkampf o. Ä.

Fairness bedeutet also, dass eine Angelegenheit ausgeglichen sein sollte, und nicht in Widerspruch mit anerkannten Normen stehen sollte. Im Wesentlichen legt die Tugend der Fairness moralische Standards für Entscheidungen fest, die andere beeinflussen. So weit, so gut.

Beim Verhandeln gibt es nun keine strengen, gesetzlichen Regeln – erlaubt ist, was Sie verantworten können und wollen! Wie passt dies aber mit dem Konzept der Fairness zusammen? Wie weit dürfen Sie gehen – was bedeutet fair verhandeln?

Fairness am Arbeitsplatz?

Am Arbeitsplatz neigen wir dazu, Ungerechtigkeiten am stärksten zu spüren. Wenn Geld, Wettbewerb und Stolz auf dem Spiel stehen, sind sowohl kleinliche als auch schwerwiegende Ungerechtigkeiten an der Tagesordnung – sei es Anerkennung für die Arbeit eines anderen, Abwälzung von Schuld, ungerechte Verteilung der Arbeitslast, Beförderung von weniger kompetenten Personen aus politischen Gründen, – es gibt einige dieser Situationen, vor denen wir tagtäglich stehen. Und dann gibt es da noch die Doppelmoral. Der eine arbeitet vielleicht weniger und dann auch noch qualitativ schlechter, der andere kommt zu spät, macht Fehler, verpasst Fristen. Trotzdem bekommen sie die gleiche Gehaltserhöhung wie Sie. In der Firma gibt es strenge Regeln, aber wenn Chefs etwas tun, wofür man selbst gefeuert werden würde, bekommen sie oft nur eine Ermahnung, wenn überhaupt.

Hart aber Fair?

Fairness bezieht sich also auf Handlungen, Prozesse und auch Konsequenzen, die moralisch richtig, ehrenhaft und gerecht sind. Ist Gerechtigkeit für alle Beteiligten das Gleiche?

Dazu möchte ich gerne ein paar Situationen schildern:

1.Sie befinden sich in einer Verhandlung/Diskussion und merken, dass Sie Ihr Gegenüber recht einfach unter Druck setzen können, Sie bemerken Schwächen, sie merken, dass Sie in der besseren Machtposition sind. Nutzen Sie diese Position, um bessere Konditionen zu verhandeln?

2.Sie haben es in einer Verhandlung mit einem richtigen A****loch zu tun – Sie realisieren recht schnell – wenn Sie nicht hart einschreiten, wird diese Person alles tun – egal ob Sie damit Ihre Gefühle verletzt oder nicht – um den eigenen Kopf durchzusetzen. Sie fühlen sich unwohl, angegriffen, unterdrückt – akzeptieren Sie dieses Verhalten?

3.Eine Person wechselt ständig ihren Standpunkt, je nachdem, welche Option gerade für sie selbst am gewinnbringendsten ist. Wie gehen Sie mit dieser Situation um? Gehen Sie vielleicht (unbewusst) auf Abstand?

Wie würden Sie sich in diesen Situationen entscheiden? Spielen hier vielleicht auch noch Themen wie die Beziehungsqualität zwischen den Beteiligten mit hinein?

Was hat Fairness mit dem Außenbild zu tun?

Gehen wir nun zurück zu unserem 10-Euro-Spiel. Würden Sie denselben Betrag anbieten, wenn Sie das Spiel vor einer Gruppe spielen, wie wenn Sie unter vier Augen spielen? Und aus welchen Gründen könnte sich dieser Betrag unterscheiden? Die Erfahrung zeigt – vor einer Gruppe gespielt, erhält ein:e Partner:in oftmals 5 Euro, unter vier Augen sind die Angebote im Schnitt niedriger.

Ein Grund hierfür ist ganz klar, dass wir vor einer Menschengruppe mehr auf unser Außenbild achten, als wenn es „nur“ um die Beziehung zu einer individuellen Person geht. Vielleicht sehen wir diese Person nie wieder, und die Beziehung ist nicht so wichtig – daher können wir eine härtere Art zu verhandeln oder auch ein radikaleres Angebot verantworten. Wenn es sich allerdings um eine Person handelt, mit der wir eine gute Beziehung erhalten wollen, wird unser Angebot wahrscheinlich anders ausfallen.

Dies liegt u.a. daran, dass das Verständnis, dass Beziehungen sowohl auf „Geben“ als auch auf „Nehmen“ beruhen, entscheidend für die Entwicklung ebendieser Beziehungen ist. Wenn ich also zu den Menschen in meinem Umfeld gute Beziehungen halten möchte, darf die Interaktion nicht einseitig sein. Warum dies letzten Endes entscheidend für unser Wohlbefinden ist? Eine über fast 80 Jahre laufende Langzeitstudie aus Harvard1 hat bestätigt, dass der Schlüssel für die Förderung unseres Glücks und Wohlbefindens in nährenden Beziehungen liegt.

Dimensionen von Fairness?

Wir merken bereits, wenn es um Fairness geht, gibt es kein „one-size-fits-all“-Konzept. Fairness scheint in gewissem Maße sehr kontext- und damit auch kulturabhängig zu sein – sowohl wenn wir uns Zusammenhänge im Bereich Business – Privatleben anschauen, als auch die Dimension Männlich – Weiblich. Situationen werden hier oft komplett unterschiedlich gehandhabt, es gilt also genau zu überlegen. Nur wenn Sie den Kontext richtig einschätzen, können Sie fair handeln – bevor Sie also vorschnell agieren, versuchen Sie die Situation, in der Sie sich befinden zu analysieren und Ihre Handlungen darauf abzustimmen.

Übrigens – mehr über das 10-Euro-Spiel lernen Sie in unseren E-Learnings zu den Themen “Verhandeln” und „Entscheiden“ in unserer Better Solutions Academy.

Eingeschränktes Vernunftverständnis

Verhaltensforscher und Psychologen gehen davon aus, dass sich eine Person auf Basis ihrer eigenen Werte (Nutzenmaximierung), mit Hilfe von Heuristiken (Faustregeln) und den eigenen begrenzten kognitiven Fähigkeiten für diejenige Option entscheidet, die ihr den größtmöglichen Nutzen bietet. Hierbei muss es sich nicht unbedingt um monetäre oder andere immaterielle Werte handeln, es können auch altruistische Gründe sein.

Fazit

Die moralische Pflicht, fair zu sein, stellt Einschränkungen für unsere Urteile und Handlungen dar. Es zeigt sich, dass das Verständnis dessen, was fair ist oder nicht, viel komplizierter und komplexer ist, als es aus Sicht derjenigen Person erscheint, die sich benachteiligt fühlt. Auch wenn die zugrundeliegenden Konzepte von Fairness und Gerechtigkeit einfach, ja fast schon intuitiv sind, erweist sich die Anwendung im alltäglichen Leben als schwierig. Die Unterscheidung zwischen echter Ungerechtigkeit und eigennützigen Rechtfertigungen ist inzwischen immer schwieriger geworden. Es scheint vielmehr, dass immer dann, wenn einer Person etwas verweigert wird – sei es ein Job, eine Beförderung, ein Vertrag – Protest eingelegt wird. Wie Ralph Waldo Emerson sagte, „die Gerechtigkeit des einen ist die Ungerechtigkeit des anderen“.

1 https://www.adultdevelopmentstudy.org/grantandglueckstudy

Jörg Köck

... ist seit fast 20 Jahren selbstständiger Unternehmensberater, Trainer und Coach und seit sechs Jahren Geschäftsführer der BETTER SOLUTIONS Coachingconsulting GmbH. Zuvor arbeitete er in Fach- und Führungspositionen im Einkauf von Maschinenbauunternehmen. Sein Schwerpunkt in Training und Beratung liegt im Verhandeln und Herstellen von tragfähigen Vereinbarungen – in Management, Einkauf und Teambuilding.

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